19 Minuten, die alles verändern...
In ihrem Roman „19 Minuten“ beschäftigt sich die US-amerikanische Autorin Jodi Picoult mit den Ursachen und Folgen eines Schulmassakers.
Ausgehend von den 19 Minuten des Amoklaufes entwickelt sie das Geschehen in zwei Richtungen: In Rückblenden wird erzählt, wie es zu der Tat kommen konnte. Schon als Peter zum ersten Mal den Schulbus besteigt, wird er zum Opfer der älteren Schüler. Seit diesem Tag ist er ein Außenseiter. Seine einzige Freundin Josie wendet sich von ihm ab, als es ihr gelingt, in die Clique der Beliebten aufgenommen zu werden. Gleichzeitig schildert Jodi Picoult wie Peters Mitschüler, seine Eltern und die übrigen Einwohner der fiktiven Kleinstadt Sterling im US-amerikanischen New Hampshire mit den Folgen der Tat klarkommen. Seine Mutter quält sich mit Schuldgefühlen und hat das Gefühl, ihren Sohn überhaupt nicht gekannt zu haben. Josie trauert um ihren Freund Matt, der bei dem Amoklauf ums Leben kam und muß sich den furchtbaren Erinnerungen an die Tat stellen. Der Anwalt Jordan Mc Afee bekommt die Wut der Bevölkerung zu spüren, als er Peters Verteidigung übernimmt.
Die Autorin erzählt die Geschichte aus vielen unterschiedlichen Perspektiven. Trotz der verschachtelten Zeit- und Perspektivebenen lässt sich das Buch gut lesen, denn die einzelnen Kapitel sind mit Zeitangaben überschrieben, so dass der Leser den Überblick behält.
In ihren Büchern greift Jodi Picoult oft kontrovers diskutierte aktuelle Themen auf und beleuchtet diese von allen Seiten. „19 Minuten“ entstand 2007. Einige Jahre zuvor hatten zwei Schüler an der Columbine High School im US-Bundesstaat Colorado zwölf Schüler und einen Lehrer ermordet. Bei ihren Recherchen zu „19 Minuten“ griff Jodi Picoult auf Material zurück, das ihr von den damaligen Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt wurde und sprach auch mit überlebenden Opfern des Massakers.
Auch bei uns in Deutschland ist das Thema seit dem Amoklauf in Winnenden vor zwei Jahren hochaktuell: Viele haben sich damals gefragt, warum es zu dieser Tat gekommen ist. Jodi Picoult liefert in ihrem Roman einige Antworten: Nicht bei den Texten von Rocksongs und nicht bei den Computerspielen liegt das Problem, sondern darin, wie die Gesellschaft gestrickt ist. Anhand der Entwicklung von Peter und Josie zeigt Jodi Picoult auf, wie schwierig es ist, seinen Platz in der sozialen Hierarchie der Schule zu finden und zu behaupten. Denn anders als bei uns gibt es in einer amerikanischen High School keine Klassen. Das soziale Leben spielt sich ausschließlich in informellen Gruppen ab, zu denen die Schüler aufgrund bestimmter Eigenschaften gehören: Da gibt es die Sportskanonen, die Klugen, die Naturwissenschaftler, die Beliebten und eben die Außenseiter. Während Josie die „richtigen Klamotten“ trägt und die „richtige Musik“ hört, gibt sich Peter so, wie er ist: Mit seiner sensiblen phantasievollen Art kommt er gegen die coolen Jungs aus dem Football-Team nicht an. Während er von Anfang an ein Außenseiter ist, gehört Josie schließlich zu den beliebtesten Mächen der Schule. Aber obwohl viele sie beneiden, ist Josie nicht glücklich. Denn um in ihrer Clique anerkannt zu werden, muss sie ihre wahren Vorlieben und Gefühle verstecken. Außerdem hat sie ständig Angst, ihren sozialen Rang wieder zu verlieren...
In fast jeder Klasse gibt es Außenseiter und Beliebte. Das macht es leicht, sich in die Hauptfiguren hineinzuversetzen. Am Ende hat man nicht nur mit den Opfern Mitleid, sondern auch mit Peter und Josie.
„19 Minuten“ von Jodi Picoult ist im Piper Verlag erschienen und kostet 9,95 EUR.