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Von Schuld und Sühne - "Der Vorleser" von Bernhard Schlink

Der 15-jährige Michael lernt Ende der 50er Jahre die wesentlich ältere Hanna kennen. Mit ihr erlebt er seine erste Liebe. Eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Jahre später sieht Michael sie als Jurastudent im Gerichtssaal wieder. Er erfährt, dass Hanna in der Nazi-Zeit KZ-Aufseherin war und für den Tod von jüdischen Gefangenen verantwortlich sein soll...

Mit Hanna stehen weitere ehemalige Aufseherinnen vor Gericht, die ihr die Hauptschuld zuschieben. Michael weiß, dass das nicht stimmen kann. Denn er kennt Hannas Geheimnis. Jetzt steckt er in der Zwickmühle: Soll er zum Richter gehen und erreichen, dass Hanna wie ihre Mitangeklagten nur eine geringe Freiheitsstrafe erhält? Oder soll er angesichts der furchtbaren Geschehnisse schweigen?
In drei Teilen erzählt der Roman „Der Vorleser“ die Geschichte von Michael und Hanna aus der Sicht von Michael. Der erste Teil schildert, wie Michael sich in Hanna verliebt und seine ersten sexuellen Erfahrungen mit ihr macht. Beide verbindet die Liebe zur Literatur und sie entwickeln ein besonderes Ritual: Vor dem Liebesakt muss Michael Hanna immer etwas vorlesen. Der zweite Teil schildert den Prozess gegen Hanna und die innere Auseinandersetzung des Jurastudenten Michaels mit Hannas Schuld und ihrem Geheimnis, das sich ihm durch die Erinnerung an das Vorleseritual enthüllt. Im dritten Teil arbeitet Michael als Anwalt und gründet eine Familie. Hanna kann er jedoch nicht vergessen...
Bernhard Schlink wählt für die Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit den eher ungewöhnlichen Blickwinkel der nach dem Krieg Geborenen. Wie Michael begannen viele junge Leute in den 60er Jahren, die Geschehnisse der Nazi-Zeit aufzuarbeiten. Während diejeinigen, die die Herrschaft der Nazis unmittelbar miterlebt hatten, meistens über diese dunklen Punkte ihres Lebens schwiegen, forderten die damaligen Studenten lückenlose Aufklärung und stellten die Generation ihrer Eltern und Großeltern zur Rede. Dieser Konflikt war mit ein Auslöser für die Studentenbewegung der 60er Jahre in Deutschland. In dieser Zeit fanden die „Kriegsverbrecher-Prozesse“ statt, in denen Leute wie Hanna sich für ihre Taten verantworten mußten.
Bernhard Schlink ist selbst Jurist und stellt alle Positionen – die Sicht der damaligen Studenten, der „Täter-Generation“ und die der Opfer – nebeneinander, ohne letztlich ein Werturteil zu fällen. Denn der Autor verzichetet darauf, die ehemalige KZ-Aufseherin Hanna von vorneherein als „böse“ darzustellen. Vielmehr erlebt der Leser Hanna – im ersten Teil des Romans – als ganz normale, wenn auch bisweilen etwas abweisende, junge Frau. Viele haben Schlink für diese Haltung kritisiert.
Dem Leser bietet er aber so die Möglichkeit, eine eigene Position zu den damaligen Geschehnissen zu entwickeln.
2008 wurde der Roman mit Kate Winslet in der Hauptrolle verfilmt.
Der Roman „Der Vorleser“ ist im Diogenes Verlag erschienen und kostet 9,90 EUR.
 


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