Der talentierte Mr. Ripley
Patricia Highsmith schuf mit ihrem 1955 erschienen Kriminalroman “Der talentierte Mr. Ripley” einen komplexen Charakter: Tom mordet und hat trotzdem die Sympathien auf seiner Seite. Er riskiert alles, kann aber dennoch niemals glücklich werden. Im Fokus der Geschichte steht Tom Ripley, ein Herumtreiber und Kleinkrimineller aus New York, der von einem reichen Werftbesitzer beauftragt wird, den “verlorenen“ Sohn, Dickie Greenleaf, aus Italien zurückzubringen. Dort angekommen, beginnt Tom seine Wünsche auf Dickie zu projizieren, dieser ist genau so, wie er gern wäre. In Konkurrenz zu Dickies Aufmerksamkeit steht Marge, eine wohlhabende junge Amerikanerin, die ihre Langeweile mit dem Schreiben eines Buches über einen Heiligen vertreibt. Nach dem “Königsmord” an Dickie nimmt Tom dessen Identität an - in der Hoffnung, das gleiche Leben, die gleichen Eigenschaften wie sein reicher Freund annehmen zu können. “Er könnte alles das tun, was Dickie tat. Er könnte direkt in Dickies Fußstapfen treten.”
Was dann folgt, ist ein Geflecht aus Lügen und Täuschungen, das Tom aufbaut, um seine wahre Identität und das Verschwinden Dickies zu vertuschen. Und je mehr er lügt, desto komplizierter wird es und desto mehr wird er zum Schwindeln gezwungen.
Der Roman wurde mehrmals verfilmt. Als Idealbesetzung bezeichnete Highsmith den französischen Schauspieler Alain Delon, der 1971 die Hauptrolle übernahm.
Tatsächlich gelingt es Delon in “Nur die Sonne war Zeuge” den Charakter Ripleys so perfekt zu verkörpern, dass es fast schon unheimlich wirkt. Gelangweilt, skrupellos und intelligent. Schade ist es um einige Aspekte des Buches, die den Filmemachern wohl zu komplex und vielleicht zu unpopulär waren und deshalb abgeändert wurden. Die außergewöhnlichen Inhalte der Geschichte wurden teilweise durch 08/15-Ideen ersetzt, was natürlich ungemein viel Luft aus der Sache lässt. Aus Marge, der im Roman verachtenden Nebenbuhlerin, wird das Objekt von Toms Begierde und aus dem bewunderten Dickie wird ein selbstgefälliger Kotzbrocken, der Marges Romanmanuskript ins Meer wirft und Tom quält. Tom nimmt Dickies Identität nicht mehr um der Identität willen an, sondern um Marge und das Geld zu erobern.
Als Reaktion auf den Erfolg ihres Romans schrieb Highsmith die Fortsetzung ”Ripley Under Ground”: Tom Ripley ist erwachsen geworden, könnte man vielleicht sagen. Aber damit hat er viele Charaktereigenschaften verloren, die ihn erst zu dem machten, was er war: Tom ist kein von Selbsthass und -zweifeln Getriebener mehr. Er sitzt in seiner schönen Villa, dreht zwar noch immer krumme Dinger, büßt dafür aber Teile seines Mythos ein. Er ist verheiratet mit einer hübschen und wohlhabenden Frau, die er zu früheren Zeiten wohl verachtet hätte. Er widmet sich der Malerei - genau dieses Hobby empfand er bei Dickie Greenleaf in seinen jungen Jahren noch als Stein des Anstoßes. Die Morde, die er im Verlauf der Geschichte begeht, wirken von der Autorin bemüht konstruiert und sind deshalb nicht so leicht zu verzeihen.
Und Ripleys Geschichte wird sogar noch weiter erzählt, es folgten “Ripley’s Game oder der Amerikanische Freund”, “Der Junge, der Ripley folgte” und “Ripley Under Water”.
Der wahre Ripley jedoch ist nicht fortsetzbar!