11.06.2011 » Interview mit Gisbert zu Knyphausen
Der eigens für Interviews eingerichtete Orange Blossom Bauwagen bleibt uns verschlossen, so sitzen wir auf einer Wiese in Beverungen mit Blick auf's Korn. Der Mann der von vielen (und von sich selbst) als eher zurückhaltend und schüchtern beschrieben wird, erzählt u.a. von Jugendsünden in der Kindheit, Pöbelei beim ersten Auftritt, einem neuen Album im kommenden Jahr, Justin Bieber und wirkt wie alles... nur nicht zurückhaltend.
Die Fragen stehen alle auf kleinen Zetteln die Gisbert selbst zieht und vorliest, dementsprechend wird die Reihenfolge durch den Zufall bestimmt
Zitat aus Musik/Film/Literatur was dir gefällt…
Da fällt mir eins aus der Musik ein, weil mir jetzt so schnell nichts aus Film oder Literatur einfällt von Bright Eyes aus dem Lied „Road To Joy“… I could have been a famous singer If I had someone else's voice But failure's always sounded better Lets fuck it up boys, make some noise!.
Was machst du nach deinem Auftritt heute?
Da werde ich auf jeden Fall noch Bier trinken (lacht). – Das antworten irgendwie immer alle, Nils Koppruch hat z.B. gesagt, er besäuft sich damit er im Bus schlafen kann. – (lacht) Genau, naja eigentlich würde ich heute gerne ein bisschen feiern, nur dass wir morgen um 8 Uhr schon wieder losfahren… - Ja das ist blöd, wobei du könntest natürlich durchmachen. – Ja genau, dann müsste ich halt im Bus schlafen, nur dass wir keinen komfortablen Nightliner haben in dem man gut schlafen kann.
Aktuelles Top-Album im Autoradio?
Bei uns jetzt gerade am Wochenende im Band-Bus laufen Aufnahmen von Daantje and the Golden Handwerk. Das ist ein Freund von mir und er hat jetzt gerade letztes Wochenende mit Gunnar aus meiner Band, der auch ein kleines Studio hat, mit ihm was zusammen aufgenommen. Und die Versionen sind echt toll geworden, deswegen hören wir das grad rauf und runter. Die rohen Versionen… das ist alles noch nicht fertig, aber ist schon ziemlich geil.
Was trägst du nachts im Bett?
(lacht) Meistens Unterhose und T-Shirt aber manchmal hab‘ ich auch ne Schlafanzug-Hose an, das Hemd dazu hab‘ ich verloren… naja und jetzt bei der Hitze schlafe ich auch… nackt. – Ja das hat auch was… - (lacht) Ja und ist auf jeden Fall besser als schwitzen in der Unterhose.
Tanzt du?
Manchmal. – Zu was? Auf Konzerten? – Auf Konzerten weniger eigentlich eher wenn ich zufällig in irgend nem Club lande. – Und in was für ‚nem Club bist du dann? – Ich geh‘ echt selten in Clubs, wenn ich vielleicht mit vielen Freunden unterwegs bin und wir eben irgendwo hängen bleiben… und am besten kann man dann natürlich, find ich, auf Elektro tanzen, weil in Indie-Discos… also da kann man einfach nicht zu tanzen, ich hab keinen Bock zu Gitarrenmusik zu tanzen. Muss man schon Elektro hören.
Eine Frage nach Max Frisch: Möchtest du lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und welches?
Hm, darf ich vorher trotzdem gestorben sein? Oder geht das dann nahtlos über? – Ja gut, ist halt die Frage was dann passiert. – Ja ich würd schon gern wissen wie es ist wenn ich sterbe, wo wir alle herkommen und wo wir wieder hingehen. Das würde mich sehr interessieren. Aber wenn ich dann kurz gestorben sein und wiedergeboren sein dürfte, dann hätte ich schon Lust darauf ein Tier zu sein. – Und welches dann? – Ja das ist schwierig, vielleicht ein Vogel. Also bei Tageslicht, ich wollt grad Eule sagen, aber ich möchte lieber ein Vogel sein der tagsüber durch die Welt fliegt und sich die von oben anschaut. Vielleicht sogar ein Falke mit ein bisschen Abenteuer (lacht). Mäuse jagen…
Hund oder Katze?
Ja eigentlich keins von beidem mehr ehrlich gesagt. Ich find ein Haustier zu haben irgendwie seltsam. Einen Hund finde ich seltsam, weil der so dermaßen auf einen angewiesen ist und einem dann nur hinterher dackelt. Und Katzen mochte ich eigentlich immer ganz gerne weil die ein bisschen unabhängiger sind. Aber in meinem Lebensstil kann ich sowieso kein Tier halten. – Ja gut, die verhungern dann. – (lacht) Ja. Das geht erst wenn ich mal ‚ne Familie hab, dann müsste ich eh mehr zu Hause sein, dann kann man sich auch einen Hund anschaffen. Da komme ich wenigstens mal aus dem Haus (lacht).
Für welchen Künstler/welche Musik würdest du niemals Geld ausgeben?
Ehm, ich würde mir z.B. keine Platte von Justin Bieber kaufen. Das ist halt Musik die mich überhaupt nicht interessiert, generell so ‚ne Art Musik, die man oft über einen Kamm scheren kann. Der ganze Kram ist mir irgendwie zu perfekt, zu perfektioniert, Schema F wie man irgendwie Geld verdient… und kreischende Mädchen… - Also du willst keine kreischenden Mädchen? Wenn du jetzt auf der Bühne stehst, gibt’s ja auch Frauen im Publikum die kreischen. – Ja da gibt’s sehr viele Frauen im Publikum die kreischen… es wäre halt ein bisschen nervig wenn die die ganze Zeit kreischen würden. Aber die schreien ja nur zwischendurch welches Lied sie als nächstes gerne hätten, das ist ja okay, oder singen mit… aber es wäre ja die Hölle, wenn man irgendwo auftaucht und Mädchen kreischen und in Ohnmacht fallen. Da käme ich mir ein bisschen komisch vor um ehrlich zu sein (lacht). [...]
Was hast du heute als letztes gegessen?
Eben gerade ein kleines Mohnbrötchen.
Letztes besuchtes Konzert?
Bill Callahan. – Wo, wann, wie? – In Berlin. Es war ein fantastisches Konzert. Bill Callahan ist ein von mir sehr geschätzter Musiker. Das Konzert fand ich wirklich beeindruckend. Manche Lieder haben halt nicht so funktioniert, der jammt ein bisschen viel rum und improvisiert auch zwischendurch. Aber andere Lieder haben dann echt so ne Magie, der singt so eigen und schreibt so eigene, seltsame Lieder, dass ich das echt interessant finde…
Das nächste Konzert das du besuchen wirst?
Das ist am 19. Juni, Bright Eyes in der Columbia Halle in Berlin. Und ein paar Tage später auch in London… - Ja genau du nimmst alles mit! - (lacht) Ha! Ja die Tickets haben wir uns gekauft, weil ich dachte die würden nicht so viel spielen dieses Jahr und dann kamen halt doch noch tausend Konzerttermine dazu und dann dachte ich mir, gehe ich auch noch nach Berlin. Weil Bright Eyes Konzerte kann ich nie genug sehen! Von daher, dafür gebe ich mein ganzes Geld aus was ich mit meiner Musik verdiene, hehe.
Letzter Kinofilm den du gesehen hast?
Ja also das war ein Kinofilm aber den habe ich nicht im Kino gesehen. Es kommt bald ein neuer Film von Andreas Dresen raus, der mein Lied Sommertag als Abspanntitel benutzt und da durfte ich mir die Rohschnitt Fassung angucken bevor der Film komplett fertig war. – Und der war gut!? – Ja der ist sehr gut der Film und das sage ich nicht nur so, sondern der ist todtraurig. Ich habe noch keinen Film gesehen der sich so realistisch und berührend mit dem Thema Tod auseinander setzt, also der war echt beeindruckend. Ich habe auch lange nicht mehr so geheult bei nem Film aber es ging nicht anders, man sitzt da und heult einfach… hm, das war ja jetzt ‚ne super Empfehlung für den Film. [...]
Was magst du heute an dir?
Och, dass ich gute Laune habe. – Ohje, ist das so selten, dass du dich jetzt so darüber freust? – Hmhm. – Ja ich meine hier ist es wunderschön, wir sind in Beverungen! – Ja, ist geil hier. – Ja kein Mensch kennt’s vorher. Also du schon… - Ja! 2008. – Damals als wir noch jung waren. – Damals! Aber ich kannte es vorher auch noch nicht und war überrascht wie schön das hier ist. [...]
Was verärgert dich?
Da gibt’s eigentlich gar nicht so viel. Aber mich ärgert, wenn Menschen sich profilieren wollen über das was sie tun oder was sie wissen und das so raushängen lassen. Wenn man versucht, sich möglichst gut darzustellen anderen Menschen gegenüber, das finde ich schon ziemlich nervig. – Also auf sich selbst bedacht, so ne Art Ego-Mensch? – Ja, so kann man’s auch sagen, aber es gibt auch unterschiedliche Ego-Menschen. Also vor allem so Prahlerei und Protzerei und Eitelkeit… ja gut… eitel bin ich auch. – Ja du musst dich dann nachher verstecken auf der Bühne! Ich meine, du stehst da ja beleuchtet in der Mitte. – Ja, klar, ich genieße es ja auch in der Mitte zu stehen. Ist auch ein Ego-Shooter-Spiel sich da hin zu stellen und viele Texte mit „Ich“ anzufangen (lacht). [...]
Für welche Musik hast du zuletzt Geld ausgegeben?
Da habe ich mir die Bill Callahan Platte gekauft, die Neueste und die Ja, Panik Platte. Ja, Panik ist so ne österreichische Band die haben grad ne Platte rausgebracht mit irgend nem seltsamen Titel. Aber die Platte ist echt toll. Ich mag das gerne was die gemacht haben, der [sic] kann tolle Texte schreiben, der kann sehr sehr gut mit Sprache umgehen. Und ich find den Sound der Platte geil, weil der fast schon so wie ne alte Velvet Underground Aufnahme klingt. Nur die ganze Attitüde da drum herum die geht mir auf den Sack, da sind wir wieder beim Thema von vorhin. Das ist schon mega bedeutungsschwanger wie die sich geben und so Bohème-Halleluja-Künstlerisch. Also die Attitüde drumherum ist seltsam aber die Musik ist echt toll und die Texte sind auch echt gut.
Dein erstes Konzert als Besucher?
Das war glaube ich Mr. Ed Jumps the Gun, so ‚ne bescheuerte Crossover-Pop-Punk-Band. Die hatten ‚nen Hit, eigentlich nur weil sie „Wild Thing“ gecovert haben (zur Sicherheit und zum totalen Verständnis wird das Lieder kurz angesungen). Das war mein erstes Konzert. – Wie alt warst du da? - …inklusive Stage diving! (lacht) 14 war ich. – Da haste auf’n Putz gehauen. Also du hast Stage diving gemacht und nicht die Band? – Ja, ich hab‘ Stage diving gemacht. – Und die haben dich getragen? Normalerweise lassen die die blöden Fans doch immer fallen... – Naja die haben mich getragen, aber das waren so viele Leute die da gesprungen sind, also habe ich mich auch getraut das zu machen. [...]
Haha, da sind wir ja bei Jugendsünden…: Irgendwelche Jugendsünden (geht auch modisch)?
Bei dem Konzert hatte ich, weil ich das irgendwie lustig fand, so’n Pulli an mit so nem Spruch drauf der eigentlich mehr für Mädels gedacht war in der Zeit, so Blondinenwitze… und da stand drauf: Bitte sprechen sie langsam ich bin blond. Das fand ich fantastisch. – Ja super. Hast du nicht irgendwie so was wie Buffalo Schuhe mit Plateausohlen gehabt? – Buffalo Schuhe hatte ich nicht aber ich hab‘ mir irgendwann mal die Haare schwarz gefärbt und habe die dann lang wachsen lassen. Da war dann die Hälfte schwarz und der Rest ist blond nachgewachsen (lacht). Und ich hab’s dann einfach so gelassen. Das ist auf jeden Fall ne modische Jugendsünde. – Und generell? Kannst du dich an welche erinnern? – Ja ich hab‘ mal zu Hause in die Dusche gekotzt und bin dann daneben eingeschlafen bis mein Bruder mich ins Bett getragen hat. Und meine Eltern haben mich ausgelacht am nächsten Morgen (lacht). Das war ne sehr gute Reaktion, danach habe ich das nie wieder gemacht. [...]
Womit tut man dir einen Gefallen?
Indem man mit mir ne Runde Backgammon spielt oder Tischtennis. – Das klingt so nach Ruhestand. – Ja mache ich gerne. Bin ja schon was älter (lacht).
Kannst du dich noch an deinen ersten Auftritt erinnern?
Mein erster richtiger Auftritt wo ich schon mehr als ein Lied gespielt habe war organisiert von nem Freund von mir in Köln. Da haben irgendwie zwei Punk-Bands gespielt und ne Ton-Steine-Scherben Coverband und ich dann dazwischen, ich hatte vier eigene Lieder und drei Bright Eyes-Cover… das war so 2005, die eigenen Lieder waren dann das Cowboy Lied und Erwischt oder so. – Und damit hast du dann die Massen bewegt! – Ja, ich habe die eine Hälfte der Masse bewegt und die andere Hälfte, die Punker, haben mich versucht von der Bühne zu holen. Aber das war sehr lustig und weil ich so aufgeregt war, hatte ich sehr sehr viel Whisky getrunken und war eh schon ziemlich betrunken auf der Bühne und hab dann gepöbelt und irgendwie scheint das einen gewissen Eindruck gemacht zu haben. Eine Hälfte ist stehen geblieben und hat sich das angehört und die andere hat immer so was wie „Scheiß Hippie“ reingerufen. Und später habe ich dann noch mit nem Mädel geknutscht und so hab‘ ich dann am ersten Konzertabend alles abgeräumt und alle Rock’n’Roll- Klischees durchgearbeitet (lacht).
Was kommt auf den Tisch wenn du kochst?
Meistens Nudeln weil das so schön einfach ist. Mit verschiedenem Gemüse oder Soßen. – Die du selbst machst oder die du anrührst? – Nee, die mach ich schon selbst aber das ist jetzt keine große Variation. Tomatensauce oder Sahnesauce (lacht). – Wirklich sehr abwechslungsreich. – Ja oder ich mache mir ein Stück Fleisch mit Kartoffeln und Paprika dazu oder so…
Wie sieht für dich ein guter Urlaub aus?
Am besten in nem Land, dass ich noch nicht besucht habe, weil ich gerne viel von der Welt sehen möchte. Und am besten auch keinen großen Plan haben, sondern losfahren und vielleicht das erste Ziel festlegen und gucken was dann passiert. – Würdest du das dann alleine machen oder mit jemandem zusammen? – Mit jemandem zusammen. Und am besten auch mit dem Auto, weil ich Autourlaube am liebsten mag, weil man so flexibel ist. Auch wenn’s ‚ne Umweltsünde ist…
Wann gibt’s ein neues Album?
Also nächstes Jahr wird’s was geben aber das wird kein reines Gisbert Album sein. Sondern ich werde mit Nils Koppruch ne Platte zusammen aufnehmen. Wir machen grad so Sessions und da kommen ganz lustige Sachen bei rum und das wird nächstes Jahr rauskommen. Ich weiß nur noch nicht wann, denn wir müssen erst mal die Lieder fertig schreiben. Und ein richtiges Gisbert zu Knyphausen Album würd ich mal eher tippen, dass das so in zwei Jahren rauskommt. Nächstes Jahr auf jeden Fall noch nicht. Aber die Sachen mit Nils… und im September gibt’s ne Split-Single mit Clickclickdecker. Ich hab‘ letztes Wochenende mit Clickclickdecker zwei Lieder aufgenommen, eins von ihm und eins von mir und das kommt als Split-Single bei Audiolith raus.
Welchem Bedürfnis gehst du mehrmals die Woche nach?
Ja rauchen zählt wahrscheinlich nicht oder? – Nö. – Ja ist auch eher mehrmals am Tag. Ich hab‘ grad angefangen ein bisschen Sport zu machen (lacht). – Welchen? – (lacht immer noch) Ich geh‘ joggen! Ich hab das immer gehasst früher, hab auch nie kapiert warum man das macht. Aber irgendwie ist das ein geiles Gefühl danach. – Ja da ist man dann schon ein bisschen stolz oder? – Ja klar. [...]
Wie verbringst du die letzten Stunden vor deinem Auftritt?
Ich geb‘ Interviews, trink nochmal zwei Bier um runter zu kommen und spätestens ne Stunde vorher werd ich mega aufgeregt. – Was machst du dann? – Dann geh‘ ich öfter mal aufs Klo und will mich am liebsten nicht mehr unterhalten weil ich dann niemandem mehr zuhören kann. [...]
Was liest du?
Ich les grad so ne unautorisierte Biografie von Tom Waits, ist ganz nett, ist ne ganz gute Tourbus Lektüre. – Und keine Romane oder so was? – Als letztes hab‘ ich was gelesen von Cees Nooteboom, Kurzgeschichten. Ich les auch oft mehrere Bücher gleichzeitig. Ich habe von dem auch ein anderes Buch angefangen, bin aber erst auf der 50sten Seite oder so, geht um nen Dokumentarfilmer in Berlin in den 80er Jahren. Ist auf jeden Fall gut geschrieben, schöne Sprache. Ach und das Buch von Tino Hanekamp hab‘ ich gelesen. Das ist so’n Clubbetreiber aus Hamburg, Uebel&Gefährlich, wo ich auch schon ein paar Mal aufgetreten bin. Der hat ein Buch geschrieben das liest sich sehr gut, so ein Pop Roman, sehr knallig geschrieben.
Dies ist die gekürzte Version des Interviews, wer also noch mehr erfahren möchte und wissen will was passiert ist als der Tourmanager kam, möge sich drüben einfinden. Dort gibt's dann auch noch ein paar Bilder.
Datum & Location
| Datum: | 11.06.2011 um 19:00 Uhr |
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| Ort: | Beverungen |
