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Neue Heimat

Sie wartete. Stand am Rand. Bitte treten Sie hinter die weiße Linie zurück. Alles war still. Durch den Tunnel sah sie, wie der Schnee fiel. So friedlich, doch in ihr tobte ein wilder Sturm. Wieso konnte sie nicht auf Wolken gehen.
Die Tür schwang vor ihr auf ...

Sie wartete. Stand am Rand. Bitte treten Sie hinter die weiße Linie zurück. Alles war still. Durch den Tunnel sah sie, wie der Schnee fiel. So friedlich, doch in ihr tobte ein wilder Sturm. Wieso konnte sie nicht auf Wolken gehen.
Die Tür schwang vor ihr auf. Hatte sie auf den Knopf gedrückt, oder wer war das gewesen. Menschen stiegen aus, Menschen stiegen ein. Sie war einer davon. Einer von den Menschen, die gehen mussten. In ihrer Tasche ihr ganzes Leben. Wie passte das zusammen.
Auf einer Empore fand sie einen Platz. Noch immer war es still. Sie gehörte nicht hier her. Aber wohin dann, wo gehörte sie hin. Ganz sicher nicht auf eine Empore, so herausragend war sie nicht.
Sie stellte ihre Tasche unter ihren Sitz. Sie wollte ihr Leben nicht sehen, wollte nicht sehen, dass alles in diese Tasche passte. Wollte die Aufkleber darauf nicht sehen, die zeigten, wo sie schon überall gewesen war. Wo war ihre Heimat. War sie schon da gewesen, hatte sie sie etwa verpasst, so wie sie ihr Leben verpasst hatte.
Sie schlug ihr linkes Bein unter das rechte. Beschmutzen der Sitze kostet Sie vierzig Euro. Sie durfte sich noch nicht einmal so hinsetzten, wie sie wollte. Wie beschämend war es, nicht so sein zu dürfen, wie sie wollte. Sie seufzte, während sie die Füße parallel nebeneinander stellte. Wie klein sahen sie aus, wie jung, als hätten sie grade erst gelernt, zu laufen.
Sie sah durch das Fenster und sah ein Mädchen, das sie ansah, es rannte neben dem Zug her. Schlug gegen das Fenster. Der Zug beschleunigte, das Mädchen rannte schneller. Es riss den Mund auf, als wolle es ihr etwas zuschreien. Sie setzte sich auf, wollte Hilfe holen. Lasst das Mädchen rein, lasst es doch rein, haltet den Zug an, jemand sucht etwas, es ist hier, hier in diesem Zug.
Sie versuchte, das Fenster zu öffnen. Dies ist der Notausstieg, nur bei äußersten Notfällen öffnen, eine Fehlnutzung kann Sie bis zu fünfhundert Euro kosten.
Sie geriet in Panik, hörte sie denn niemand? Sie presste ihr Gesicht gegen das Glas, um das Mädchen besser sehen zu können. Kleine, ich will dir helfen, aber die Wand ist im Weg, du musst schneller laufen. Das Mädchen wurde kleiner, immer kleiner, obwohl es noch neben dem Zug lief. Da entdeckte sie, dass es nicht nur kleiner wurde, sondern auch jünger. Sie sah ihm in die Augen, sie glichen den ihren. Da verstand sie, dass sie es war, die da lief, die da teilhaben wollte. Da lächelte sie, sie hatte verstanden. Langsam nickte sie ihrem jüngeren Ich zu. Ihr Ich lächelte zurück, blieb stehen, ließ den Zug ziehen.
Sie schloss die Augen. Öffnete sie, sah in die Scheibe, sah ihr Spiegelbild.
Da sah sie, dass sie da war, wo sie hingehörte. Auf dem Weg zur Heimat. Sie wurde getragen, sie musste nicht mal laufen, sie fuhr auf Wolken.
Sie fuhr ihrem Leben entgegen, endlich. Es war richtig gewesen, in den Zug zu steigen.
Das Fenster zur Vergangenheit war in diesem Zug und hatte sich nun endgültig geschlossen, sie konnte neu beginnen, denn dieser Zug brachte sie ihrer neuen Heimat entgegen. Sie war ein Vogel, schwebte frei auf Wolken nach Süden.
Ein junger Mann setzte sich neben sie, sie sah ihn an, er sah sie an. Beide lächelten, beide fuhren dem Süden entgegen, waren Verbündete und nicht mehr auf der Suche.
Manchmal muss man etwas verlassen. Manchmal muss man vergessen.
Aber man kann gewiss sein, dass man etwas Neues findet.

mainmove ist ein Gemeinschaftsprojekt der Rhein-Main-Verkehrsverbund GmbH und der Naturfreundejugend Deutschlands