Enttäuscht
Ich stehe an der Kasse eines Supermarktes und schäme mich. Weil ich ein Buch in den Händen halte, dessen Einband ein klischeehaft-lachendes junges Mädchen in kitschigen Farben zeigt, weil der Titel “Elsies Lebenslust” darauf schließen lässt, dass es sich bei der Zielgruppe für gewöhnlich um 40-jährige Hausmütterchen handelt, die gerne in Landarztromanen schmökern.
Es ist ein Schnäppchen sage ich mir. Verfasst von Patricia Highsmith, Autorin des “Der talentierte Mr. Ripley“-Romans, den ich schließlich in einem Stück verschlungen habe. So schlecht kann das neu entdeckte Werk ja nicht sein, denke ich, und auf das äußere solle man ja bekanntlich sowieso nicht achten. Noch mehr Hoffnung macht mit der Originaltitel “Found on te street”, der schon viel besser klingt als die deutsche Ausgabe. Dann beginne ich zu lesen und hoffe mein erster schlechter Eindruck werde sich schnell verflüchtigen. Doch je mehr Seiten ich hinter mich bringe, desto kräftiger bestätigen sich meine Vorurteile.
Und mir wird bewusst: Stünde nicht die Highsmith dahinter, so hätte ich diese Lektüre nie angerührt.
So oder so ähnlich ist es wohl schon jedem einmal ergangen: Die Band, die nach der Lieblingsplatte plötzlich nur noch langweiligen Mainstream produziert, der Fußballverein, für den nur noch stupide Milchbubis über den Rasen stolpern, die Lieblingsschauspielerin, die sich privat als hirnlos und ignorant entpuppt oder der bewunderte Politiker, dessen Ideen neuerdings völlig an der Realität vorbeigehen.
Wir hassen es und können dennoch nicht ganz davon lassen, weil die Sympathie der Erinnerung auf das Neue abfärbt. Das traurige daran ist, dass auch der neue schlechte Eindruck auf das Altbekannte zurückfällt. Was wir einmal für einen Geniestreich hielten, hat einen Makel bekommen.
Wir nehmen Namen als ein Garant für beständige Qualität, die in Wahrheit nicht konstant ist, gar nicht sein kann. Weil nicht alle Werke gleich gut sind. Weil das Leben und die Kunst viele Facetten mit sich bringen, und uns eben nicht alles gefällt.
Was einmal gut war, kann nicht mies werden, denken wir und handeln dabei völlig logisch, denn die Wahrscheinlichkeit, dass uns das von demselben Menschen Geschaffene erneut gefallen könnte, ist hoch. Die Werbung arbeitet oft mit eben diesen Mitteln, nach dem Motto: was traditionell hochwertige Waren produzierte, besitzt automatisch einen Markenbonus, der eine erneute Überprüfung dieser Tatsache überflüssig macht. Aber sollte uns die Sache nicht um der Sachewillen gefallen und kein blindes Hinterherlaufen hinter liebgewonnenen Namen darstellen? Kann es sein, dass wir uns mit Manchem arrangieren, dass wir, unter anderem Gesicht verkauft, brüsk zurückweisen würden?
Am Ende wundert es mich übrigens nicht mehr, dass ich das Buch im Sonderangebot erhalten habe. Ich beschließe mich zukünftig schon vor dem Kauf mehr mit dem Inhalt und weniger mit bekannten Namen auseinander zusetzen - und weiß das ich mich dennoch schon bald wieder enttäuschen lassen werde.